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Grabsteine nach 70 Jahren zurück auf Judenfriedhof

Die bei der Renaturierung der Ruhr im Bereich der Möhnemündung wiedergefundenen Grabsteine des Neheimer Judenfriedhofs sind dorthin zurückgekehrt.

Durch die Möhnekatastrophe am 17. Mai 1943 waren sie fortgerissen und im Ruhrvorland verschüttet worden. Auf Initiative des Heimatbundes Neheim-Hüsten wurden sie nun – auf den Tag genau nach 70 Jahren – wieder aufgestellt.

Bei der Übergabe der Grabsteine am 16. Mai 2013 hat der 1. Vorsitzende des Heimatbundes Neheim-Hüsten, Franz Josef Schulte, einen geschichtlichen Rückblick getan und die folgende Ansprache gehalten:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Heimatfreunde,
Sie waren sicherlich erstaunt, was sich hier so in den letzten 14 Tagen verändert hat. Die Ereignisse und Vorstellungen zur ansehnlicheren Gestaltung des Judenfriedhofs haben mit dem überraschenden Fund der Grabsteine zu grundlegenden neuen Überlegungen geführt, die sicherlich hiermit noch nicht abgeschlossen sind. Erstmals sieht die gesamte Fläche mal wieder nach einem Friedhof aus.

Schon bei den letzten Kranzniederlegungen zum Gedenken an die schrecklichen Ereignisse der Reichsprogromnacht am 9. 11. 1938 kam immer wieder zum Ausdruck, dass eine optisch bessere Gestaltung des Judenfriedhofs angestrebt werden sollte und eine trockene Wegeführung unbedingt notwendig ist. Diese Gedanken bekamen im Mai 2012 Unterstützung mit den Ergebnissen und Vorschlägen der Studentengruppe zur Sommerakademie.

Baggerfahrer entdeckt Grabstein des Ehrenbürgers Noa Wolff

Die große Überraschung kam jedoch einige Tage vor der Kranzniederlegung im November 2012 bei den Renaturierungsarbeiten im Ruhrvorland zutage. Der aufmerksame Baggerführer hatte den Grabstein des Ehrenbürgers Noa Wolff freigelegt und seitwärts gesichert. Am folgenden Tag, als wir zur Besichtigung kamen, hatte er bereits zwei weitere Grabsteine im Ruhrböschungsbereich gefunden. Nach und nach kamen dort insgesamt fünf Grabsteine zum Vorschein, vier davon mit Inschriften. Alle Steine mit Inschriften waren bis auf einige Kratzer verhältnismäßig gut erhalten. Nur ein Sockelstein war stark beschädigt. Es waren Steine folgender jüdischer Familien: Noa und Betty Wolff, gestorben 1907 und 1875, Julius und Bertha Goldberg geb. Nordhaus, beide gestorben 1906, Isak Ostberg, gestorben 1860, Geschwister Schwarz, beide gestorben 1908.

Den Familiennamen nach zu urteilen, konnten die Steine nur vom Judenfriedhof sein, die von dort bei der Möhnekatastrophe weggerissen wurden. Für den Heimatbund war ohne Einschränkung sofort klar, dass diese auf dem Judenfriedhof wieder aufzustellen sind und möglichst dort, wo sie vorher auch gestanden hatten. Unser Ziel war, möglichst bis zum 70. Jahrestag der Möhnekatastrophe, der ja morgen ist, dies zu schaffen. Mit vereinten Kräften ist uns das gelungen.

Nun war buchstäblich guter Rat teuer. Wo war der alte Standort ? Ein genauer Lageplan lag nicht vor. Zunächst wurden mit Unterstützung der Stein- und Bildhauerei Hilligsberg die Steine sichergestellt, von verschiedenen Institutionen besichtigt, begutachtet und beraten. Sollte man sie reinigen? Und eventuell auch die Spuren der Möhnekatastrophe beseitigen? Alles Fragen, die durchaus unterschiedlich beurteilt wurden, und letzten Endes die Frage: Wer trägt die entstehenden Kosten? Man einigte sich auf den Vorschlag der Denkmalbehörden dahingehend, die Steine nur zu reinigen und die Spuren der Möhnekatastrophe sichtbar zu belassen.

Der Judenfriedhof ist als Bodendenkmal eingetragen, nicht aber die bereits vorhandenen und jetzt noch gefundenen Grabsteine. Also musste hierzu auch noch einiges in Bewegung gesetzt werden. Inzwischen war auch geklärt worden, dass Zuschüsse seitens der Regierung bzw. des Landes nicht zu erwarten sind. Die Zentralstelle der Juden in Deutschland, Bezirk NRW, wurde ebenfalls schriftlich informiert. Den von uns geplanten Maßnahmen wurde zugestimmt.

Lageplan zufällig im Stadtarchiv gefunden

Wie es so war, kam noch ein zweiter Zufall hinzu. Vierzehntägig besuchen wir mit vier Heimatfreunden das Stadtarchiv in Arnsberg. Was wir da so finden, versuchen wir in den Heimatblättern „An Möhne, Röhr und Ruhr“ darzustellen. Und – siehe da – ein Lageplan vom Judenfriedhof, besser gesagt, eine Skizze kam zum Vorschein. Hier hatte jemand vor 1900 handschriftlich ohne Detailangaben versucht, einen Lageplan anzulegen und nur in einer Reihe 15 namentlich benannte Grabstellen nachgewiesen ( bzw. drei mit Nummerierung). Als Orientierungshilfe waren der Möhneverlauf rechts und auf der anderen Seite das alte Pastorat angegeben, also dort, wo nach Abbruch des Pastorats später die Karl-Wagenfeld-Schule, heute Graf-Gottfried-Schule, gebaut wurde.

Zeitzeugen berichten heute noch, dass der Friedhof zweireihig, mit einem Weg in der Mitte, angelegt war, so wie er jetzt gestaltet wurde. Zur Möhneseite gab es gemauerte Gruften, die durch die Möhnekatastrophe alle zerstört wurden. Die letzten Mauerreste wurden bei Regulierungsarbeiten an der Möhne um 1950 beseitigt. Zu erwähnen sei noch, dass die Gräber des Judenfriedhofs früher fast bei jedem Hochwasser unter Wasser standen. Talsperren gab es ja noch nicht. Das gleiche Schicksal hatte teilweise der erste Friedhof der Stadt nach dem Stadtbrand, später als Ehrenhain genutzt , dessen Gelände etwa 1 Meter höher und daher weniger gefährdet war.

Ich möchte Ihnen die Namen der in der Skizze registrierten Gräber vorlesen, da sicherlich einige Namen geläufig sind: Isak Ostberg, Nr. 289, Nr. 98, Familie Kempenich, Familie Schudberg, Familie Langstadt, Susmann Steinberg, Familie Nordhaus, Familie Reifenberg, Frau Hermann Wolff, Nr. 190, Rog. Löwenstein, Familie Ostberg, Isak Wolff, Berleburg, Familie Noa Wolff. Zu der Nummerierung der drei Grabstellen ist später noch etwas zu sagen. Bis auf den Namen Schudberg, sind alle Namen in den Heimatblättern an irgendeiner Stelle zitiert. Ausführliche Abhandlungen gibt es in den Ausgaben Nr. 36 „Jüdische Mitbürger“, Nr. 39 „Neheimer Friedhöfe“ und in der Dokumentation zur 625-Jahr-Feier der Stadt Neheim und Hüsten. Alle Textbeiträge stammen von Werner Saure, dem wir im Übrigen für die Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Mitbürger herzlich danken.
Neben den gefundenen und neu aufgestellten Grabsteinen befinden sich hier auf der Hangseite noch weitere bekannte und unbekannte Grabstellen, wobei vier mit einem lesbaren Grabstein vorhanden sind. Es sind die Familie David (3 Personen), Rosalie Schild,Emma Heumann und Langstadt. Der fünfte Stein ist sehr beschädigt. Es könnte Susmann Steinberg sein. Herr Hilligsberg ist dabei, die Einzelstücke zusammenzusetzen. Denkbar wäre auch, dass die Säule ganz hinten auf dem Friedhof (links) zu einem der wiedergefundenen Grabsteine gehören könnte.

Grabstellen durften nicht wieder belegt werden

Wann dieser Friedhof angelegt wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich vor 1850, denn die erste Bestattung (Isak Ostberg) erfolgte 1860, die letzte (Netty David) 1939. Mit der ersten Katasteraufnahme 1829/32 ist die Friedhofsfläche zwar parzellenmäßig als Eigentum der Stadt ausgewiesen, jedoch nicht als Friedhof bezeichnet. Interessant hierzu ist ein Satz in der von Noa Wolff im Auftrag des Vorstandes der israelitischen Synagogengemeinde Neheim 1890 vorgelegten Begräbnisordnung, der eigenartigerweise gestrichen wurde. Ich zitiere: „Die Benutzung dieses israelitischen Begräbnisplatzes reicht in langjähriger Zeit hinauf und existierte sicherlich schon zur Zeit, wo Neheim unter Großherzoglicher, städtischer Regierung stand.“ Warum dieser Satz gestrichen wurde, ist nicht zu erkennen.

Die Begräbnisordnung für den israelitischen Friedhof hatte Noa Wolff mit Datum vom 21. 4. 1890 dem Bürgermeister vorgelegt und selbst unterzeichnet. Vom Bürgermeister wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass diese noch vom Landrat zu genehmigen sei und der Friedhof zu nah an der Bebauung und am Möhnefluss liege. Außerdem wurde er darauf hingewiesen, dass die Stadt Neheim beabsichtige, einen neuen Friedhof an der Möhnestraße anzulegen, und dass die Möglichkeit bestehe, auch die jüdischen Mitbürger dort zu beerdigen. Noa Wolff aber beharrte auf seiner Begräbnisordnung für den Judenfriedhof hier an der Möhne. Ein Gutachter wurde bestellt, dessen Gutachten aber nicht positiv ausfiel, insbesondere wegen der Grund- und Hochwasserverhältnisse, und deshalb von einer weiteren Belegung abgeraten wurde oder mindesten eine Aufschüttung von mindestens einem Meter vorzunehmen sei. Wie nun diese unterschiedlichen Meinungen ausgegangen sind, ist aus den spärlichen Akten nicht zu ersehen.

Einige Punkte aus dieser vorgeschlagenen Begräbnisordnung seien genannt:

  • Die Gräber sollten mindestens 1,88 Meter tief sein.
  • Nach 25 Jahren dürfen die Grabstellen nicht wieder belegt werden. Das würde bedeuten, eine lebenslange Nutzung, die man sich heute aus verschiedenen Gründen nicht vorstellen kann.
  • Das Einsetzen der Leichen in Wasser oder Schlamm ist unzulässig.
  • Es ist in einer bestimmten Reihenfolge zu beerdigen.
  • Jedes Grab hat der Totengräber mit einer in die Erde eingelassenen dauerhaften Nummer zu versehen und in einen Grundplan einzutragen. (Deshalb auch die anfangs erwähnte Nummerierung einiger Gräber)
  • Der Totengräber ist verpflichtet, ein Register zu führen (liegt nicht vor).

Jägerkompanie hat laufende Pflege übernommen

Wie sie aber jetzt sehen, sind die gefundenen Steine rechts (vom Eingang gesehen) neu aufgestellt. Die an der Hangseite eingefassten Gräber sollen noch eine pflegeleichte Kiesaufschüttung erhalten und die Randsteine angehoben werden. Ebenso soll noch der Plattenweg erneuert bzw. egalisiert werden. Die dort befindlichen Grabsteine sind gereinigt worden. Leider sind nicht alle Inschriften gut lesbar. Ein weiterer Grund ist, dass nach dem israelitischen Glauben die Gräber nicht mit Blumen geschmückt werden sollen.
Die Wegführung vor dem Eingang, vom Ruhrtal-Radweg her, ist, wie Sie schon feststellen konnten, jetzt vernünftig und wasserfest hergestellt. Angedacht ist, in einem weiteren Bauabschnitt den Eingangsbereich freundlicher zu gestalten. Selbstverständlich wird dann auch eine Hinweistafel angebracht. Diese jetzt nur an einem Pfosten anzubringen, halten wir zur Zeit nicht für angebracht.

Der Heimatbund dankt den Mitarbeitern des Grünflächenamtes der Stadt, die uns problemlos unterstützt haben, der Firma Hilligsberg für die Reinigung und rechtzeitige Aufstellung zum morgigen Jahrestag der Möhnekatastrophe und vor allem für die viermonatige Geduld bis zur Entscheidung. Ganz besonders freuen wir uns über den Entschluss der 2. Kompanie des Jägervereins, die sich bereit erklärt hat, die laufende Pflege des Judenfriedhofs Neheim zu übernehmen. Zwei Nachmittage sind sie schon tätig gewesen und haben allerlei Unrat gesammelt und abgefahren. Lieber Siggi Rump, gib bitte den Dank an deine Kollegen weiter.

Das wäre es für heute. Ich hoffe, dass ich Sie nicht zu lange strapaziert habe. Wir dürfen uns auch bei Ihnen für die heutige Teilnahme und ihr Mitgefühl bedanken und schon jetzt darauf hinweisen, dass zur offiziellen Übergabe und Kranzniederlegung am 9. November alle herzlich eingeladen sind.