Mit einem Federstrich: Nazis vereinigen Neheim und Hüsten
Von „Nazi-Diktat“ und „Zwangsehe“, ja sogar von „Vergewaltigung“ war später die Rede, nachdem die Stadt Neheim und die Freiheit Hüsten am 1. April 1941 auf Beschluss des Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Alfred Meyer (NSDAP), zu der neuen Stadt Neheim-Hüsten zusammengeschlossen worden waren. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Dritten Reichs setzten Bestrebungen ein, diese Verbindung wieder aufzulösen. Erst im Jahre 1956 wurde offiziell ein Schlussstrich unter diese Akte gezogen und die Doppelstadt endgültig akzeptiert. Doch sie hatte nur knapp 34 Jahre Bestand, bis sie am 1. Januar 1975 im Zuge der kommunalen Neuordnung in der neuen Stadt Arnsberg aufging.
Der ehemalige „Trauring“ am Rathaus: in den 1960er Jahren geschaffenes Symbol für die Ehe von Neheim und Hüsten.
Im Jahre 1951 gab die Neheim-Hüstener Stadtverwaltung eine Denkschrift mit dem Titel „Neheim-Hüsten – vereint oder getrennt?“ heraus. Die Verfasser vertraten darin die Überzeugung, „die Idee, Neheim und Hüsten zu vereinigen, ist keinesfalls Geistesgut der nationalsozialistischen Regierung“.
Sie verwiesen in diesem Zusammenhang auf Angaben eines ehemaligen Stadtverordneten, des Bäckermeisters Franz Kampmann aus Hüsten, der als Zeitzeuge in einer Sitzung der Stadtvertretung erklärt hatte: „Dass im Jahre 1912 verschiedene Anregungen zur Eingemeindung gemacht worden sind, trifft zu. Ich bin seit 1919 in der Gemeindevertretung und habe vieles miterfahren.“
Wahrscheinlich wegen des Ersten Weltkriegs ist dieser Gedanke zunächst nicht weiter verfolgt worden. Aber schon bald danach lebte er offensichtlich wieder auf. Denn die Vorstände des Hüstener Haus- und Grundbesitzervereins sowie des Vereins für Handel und Gewerbe beauftragten Heinrich Severin und Bernhard Vogel, in die Reichshauptstadt Berlin zu fahren und bei der Zentrumsfraktion des preußischen Landtags gegen einen möglichen Zusammenschluss zu intervenieren. In gleicher Angelegenheit reisten sie auch im Mai 1925 zur kommunalpolitischen Tagung der Zentrumspartei in Bad Ems.
Derweilen begann Hüsten, sich selbstständig zu machen. Unzufrieden mit der Position im Amtsverband, dem Hüsten seit 1837 angehörte, wurde am 1. Oktober 1919 eine eigene Gemeindeverwaltung eingerichtet. In einer Denkschrift stellte sich Hüsten wörtlich als die „milchgebende Kuh für das Amt Hüsten“ dar. Hüsten trug damals mit 7300 zu den insgesamt 26300 Einwohnern des Amtes bei, war aber in der 42 Mitglieder starken Amtsvertretung nur mit fünf Stimmen vertreten. Andererseits deckte Hüsten den Amtskassenfehlbetrag von 700000 Mark allein mit 450000 Mark ab.
NS-Landrat wird Ehestifter
Anfang des Jahres 1939 hat dann Dr. Heinrich Teipel (NSDAP), der von 1933 bis 1942 als Landrat des Kreises Arnsberg fungierte, die Idee wieder aufgegriffen und Unterlagen angefordert. Der Tierarzt und SA-Führer stammte gebürtig aus Arnsberg, wo er zuletzt den Schlachthof leitete. Während sich Neheim damals nicht zu diesen Überlegungen geäußert hat, erklärte der Amtsbürgermeister für Amt und Gemeinde Hüsten die Ablehnung des Zusammenschlusses.
Der „Ehestifter“: Nazi-Landrat Dr. Heinrich Teipel
Der Kriegsbeginn verzögerte den Fortschritt in der Sache um einige Jahre. Aber dann hatten Teipel und seine Parteigenossen durch ihre Beziehungen zur Reichsregierung den Boden für die Durchsetzung der Idee bereitet. Am 28. November 1940 wurden sowohl der Hüstener Gemeinderat als auch der Neheimer Stadtrat einberufen. Einziger Tagesordnungspunkt der getrennten Sitzungen war der Zusammenschluss. Zunächst die Hüstener, dann auch die Neheimer Mandatsträger erklärten sich einstimmig damit einverstanden.
Die Hüstener Gemeinderäte hatten einige Bedingungen an ihr Einverständnis geknüpft. So sollte der Leiter der gemeinsamen Stadtverwaltung weder aus Neheim noch aus Hüsten kommen, für die Besetzung der leitenden Stellen sollten auch erstklassige Fachkräfte von außerhalb gewonnen werden und schließlich müsse auch ein neues Verwaltungsgebäude so bald wie möglich an der Nahtstelle der beiden Stadtteile in der Nähe des Bahnhofs geschaffen werden.
Aus den Hüstener Bedingungen spricht die Furcht, als kleinerer Teil der neuen Stadt den Kürzeren zu ziehen. Doch zu den Grundlagen des Zusammenschlusses gehörte die Gleichberechtigung beider Partner, die indessen doch wesentliche Unterschiede aufwiesen. Neheim brachte 14846 Einwohner in die „Ehe“ ein (und damit fast zwei Drittel), Hüsten nur 8323, Neheim eine Stadtfläche von 1963 Hektar, Hüsten 1511. Auch die Wirtschaftskraft, gemessen am Realsteueraufkommen, entwickelte sich immer mehr zugunsten Neheims. Schon 1935 betrug das Verhältnis 1,8 zu 1, im Jahre 1949 lag es schon bei 2,3 zu 1 (Neheim: 1,685 Mio. DM, Hüsten: 714000 DM).
Zusammenschluss wird angeordnet
Auszug aus der Urkunde über den Zusammenschluss (Wiedergabe im Heimatbuch 1958)
Am 21. Dezember 1940 verkündete der Oberpräsident seine Entscheidung: „Die Gemeinden Stadt Neheim und Hüsten im Kreise Arnsberg werden zu einer Gemeinde Stadt Neheim-Hüsten zusammengeschlossen. Die zusammengeschlossenen Gebietsteile erhalten ihre bisherigen Ortsnamen als Ortsteilbezeichnungen. Der Zusammenschluss tritt am 1. April 1941 in Kraft.“ Beide Kommunen beschlossen zu diesem Zweck förmlich ihre Auflösung. Hüsten musste zusätzlich auch aus dem Amtsverband ausscheiden. Die uralte Selbstständigkeit beider Gemeinwesen – seit dem 14. Jahrhundert besaßen beide städtische Selbstverwaltungsrechte – war damit zu Ende. Gefeiert wurde das epochale Ereignis aber nicht. Der Krieg ließ die Menschen schnell wieder zur Tagesordnung übergehen.
„Wenn man sich der Mühe unterzieht, nach den wahren Gründen für den Zusammenschluss zu forschen, so ist festzustellen, dass hierüber in dem vorhandenen Aktenmaterial kaum Nennenswertes zu finden ist“, äußerte sich später Georg Plett, der von 1965 bis 1975 Neheim-Hüstens Stadtdirektor war, in einem Beitrag für das Heimatbuch, das 1958 aus Anlass des Stadtjubiläums (600 Jahre Neheimer Stadtrechte) erschienen ist. Er fügte hinzu: „Auch die Protokolle über die entscheidenden Sitzungen geben darüber wenig Aufschluss. Es ist nur ganz allgemein von der Notwendigkeit und Nützlichkeit einer Vereinigung beider Gemeinden die Rede.“ Solche Dinge seien damals „sozusagen mit einem Federstrich erledigt“ worden.
Gleich zwei Trennungsausschüsse
Deshalb sei es nicht verwunderlich, meint Plett, dass schon bald nach dem Krieg und dem Ende des Nazi-Regimes Bestrebungen aufkamen, den Verwaltungsakt wieder rückgängig zu machen. Sie gingen ausschließlich von Hüsten aus. Dort wurde im Sommer 1946 in einer Bürgerversammlung ein so genannter Abstimmungsausschuss gebildet, der nur ein Ziel kannte: die Trennung Neheims und Hüstens. Neheimer gehörten diesem Ausschuss überhaupt nicht an, so dass die Neheim-Hüstener Stadtvertretung dieses Gremium auch nicht mit der Untersuchung der Angelegenheit beauftragen wollte. Da aus Hüsten aber immer wieder neue Vorstöße in dieser Richtung unternommen wurden, berief die Stadtvertretung schließlich im Sommer 1949 einen amtlichen Trennungsausschuss ein. Dieser hatte die klare Aufgabe, „alle Fragen, die sich aus dem Problem des Zusammenbleibens oder der Trennung Neheim-Hüstens ergeben, in Zusammenarbeit mit der Verwaltung objektiv zu klären und in einer Denkschrift festzulegen“, wie es dazu in besagter Denkschrift heißt.
Diesem amtlichen Trennungsausschuss gehörten außer zehn Stadtverordneten auch insgesamt zwölf Vertreter der Industrie, der Gewerkschaften, des Handwerks, des Handels, der Landwirtschaft und der freien Berufe an, jeweils gleichmäßig aus Neheim und Hüsten stammend. „Was soll der zweite Trennungsausschuß?“ war daraufhin in der Ausgabe der Westfalenpost vom 20. November 1949 zu lesen. In dieser Stellungnahme bezeichnete sich der Hüstener Ausschuss als „allein bevollmächtigtes Willensorgan der Bevölkerung von Hüsten“ und den zweiten „als Hemmnis für die baldige Verwirklichung ihres (Anm.: der Hüstener Bevölkerung) Ausgliederungsverlangens (Hemmungsausschuß)“.
Dieser zweite Trennungsausschuss kam nach einigen Sitzungen zu der Überzeugung, dass seine Arbeit vorläufig „unfruchtbar“ sei. Man wollte zunächst abwarten, bis die Stadtverwaltung alle Fakten gesammelt und in einer Denkschrift vorgelegt hatte, was dann 1951 auch geschah. Auch ein externer Gutachter wurde auf Vorschlag der Landesplanungsbehörde eingeschaltet: der Landesrat Niemeyer aus Bielefeld.
„Wer nicht unterschreibt, ist für die Nazis“
Auch publizistisch wurde der Trennungskrieg von Neheim und Hüsten ausgefochten: Zeitungsausschnitte und die Denkschrift der Stadtverwaltung von 1951.
Im Juli 1946 waren in Hüsten Flugblätter verteilt worden. Damit wurde die Bevölkerung aufgerufen, sich in Listen einzutragen und auf diese Weise für die Trennung von Neheim und die Gewährung des Stadtrechts für Hüsten auszusprechen. „Ganz und gar tendenziös“ urteilten später die Verfasser der Denkschrift. An objektiver Aufklärung habe es völlig gefehlt; stattdessen seien viele Bürger mit der Redewendung „Wer nicht unterschreibt, ist für die Nazis“ zu ihrer Unterschrift genötigt worden. Andere hätten aus Gefälligkeit unterschrieben, manchmal gleich für andere Personen mit. Selbst Kinder seien in die Listen eingetragen worden. Schließlich waren 4517 Unterschriften zusammengekommen, „also mehr als 90 Prozent“, frohlockte der Hüstener Ausschuss. Bei der Stadtverwaltung rechnete man indessen anders: Hüsten habe nicht 4800, sondern 5750 Wahlberechtigte. Folglich hätten sich nur 79 Prozent für die Trennung entschieden. Es gab noch mehr Merkwürdigkeiten: Auch die Betriebsräte und Werksobmänner der Hüstener Betriebe hatten sich für die Trennung ausgesprochen, obwohl manchen Betriebsinhabern von diesen Unterschriften nichts bekannt war und auch Unterschriften von Betrieben stammten, die damals überhaupt keinen Betriebsrat oder Werksobmann hatten.
Dann wandten sich die Hüstener mit ihrem Anliegen an den Kreiskommandanten der britischen Militärregierung, Major Swayne. Der forderte daraufhin von der Stadtverwaltung Bericht an. Kurz darauf stellte der Hüstener Ausschuss gemeinsam mit den Hüstener Stadtverordneten den Antrag an die Stadtvertretung, zu dem Trennungsverlangen Stellung zu nehmen. Die Abstimmung am 15. November 1946 ergab eine deutliche Ablehnung: 15 gegen fünf Stimmen bei drei Enthaltungen. Doch die Hüstener gaben nicht auf. Der Hüstener Ausschuss trat nun gemeinsam mit dem Amt Hüsten an die Kreisverwaltung heran mit dem Verlangen, Hüsten von Neheim abzutrennen und wieder ins Amt einzugliedern. Amtsvertretung und Kreistag nahmen diesen Antrag an, die Stadt Neheim-Hüsten lehnte ihn ab und schaltete den Regierungspräsidenten ein. Da bekam die Stadt Neheim-Hüsten unerwartet Schützenhilfe: Die 28 größten Unternehmen in Hüsten sprachen sich ebenfalls gegen die Trennung aus und wandten sich an den Landesinnenminister. Lediglich die Hüttenwerke Siegerland scherten aus und erklärten als Filialwerk einer überregionalen Aktiengesellschaft ihr Desinteresse.
„Zwangsehe“ wird endlich akzeptiert
Die schöne neue Welt in der Stadtmitte, wie sie sich die Planer in den 1960er Jahren ausgedacht hatten: mit „Trauring“ und Umgehungsstraße, einer „Südtangente“ vom Neheimer Ohl am Freibad vorbei zur Kleinbahnstraße und nicht zuletzt einer riesigen Brücke vom Holzener Weg zum Bahnhofsvorplatz, die dem Dauerstau vor den Schranken ein Ende gemacht hätte. Ausschnitt aus einer Skizze in der Festschrift zur Einweihung des Rathauses 1968.
Es ging weiter mit, wie Plett es ausdrückte, „unendlich vielen Sitzungen, Besprechungen, Beratungen“ und auch Gutachten und Gegengutachten. „Alles wird also heute sorgfältig erwogen“, stellt dazu die Denkschrift von 1951 fest, „es geht nicht so unüberlegt und unvorbereitet wie 1940/41, als die Partei befahl und die Staatsregierung nichts zu bedenken zu geben, sondern zu gehorchen hatte“. Im Jahre 1956 war es dann so weit: Die Stadtvertretung lehnte die Trennung abschließend ab und löste den Trennungsausschuss auf. Die Vernunft hatte gesiegt. Auch in Hüsten hatte sich im Laufe der Zeit immer mehr die Überzeugung durchgesetzt, dass die „Zwangsehe“ doch auch ihre Vorteile habe. Allein die Bewältigung der sich schon abzeichnenden Verkehrsprobleme (der Bau der Umgehungsstraße war schon im Gespräch), die Möglichkeit der Ausweisung neuer, gebietsübergreifender Bauflächen und nicht zuletzt auch die wesentlich stärkere Wirtschaftskraft Neheims, von der Hüsten zunehmend profitierte, hatten viele Kritiker verstummen lassen. An die oft angeführte „Verschiedenartigkeit der Einwohner nach Struktur und Lebensart“ hatte ohnehin so recht niemand geglaubt angesichts der tagtäglich hüben wie drüben gelebten Gemeinsamkeiten.
Und auch ein anderes Argument der Trennungsbefürworter wollte die Stadt Neheim-Hüsten unbedingt entkräften: Beide Teile könnten gar nicht zusammenwachsen, hatte es geheißen, wegen der Talenge im Bereich des Bahnhofs. Als sichtbares Zeichen der Gegenbehauptung wurde an der Nahtstelle ein großer Kreisverkehr geschaffen und „Trauring“ genannt. Wie ein Ehepaar sollte er beide Teile dauerhaft miteinander verbinden. Von der städtebaulichen Neuordnung in diesem weitgehend unterentwickelten Gebiet versprach man sich Impulse für die Herausbildung eines neuen Stadtmittelpunktes. Mitte der 1980er Jahre fiel der Trauring dem Bau der Autobahn zum Opfer, wurde aber auch symbolisch nicht mehr benötigt, weil längst niemand mehr von Trennung sprach.
Nur das neue Rathaus an dieser Stelle, das der Stadt Neheim-Hüsten schon bei der „Hochzeit“ als Morgengabe versprochen war, ließ aus finanziellen Gründen noch lange auf sich warten. Erst 1968 wurde es feierlich eingeweiht und steht noch heute der Stadtverwaltung als größte ihrer Niederlassungen in der Stadt Arnsberg zur Verfügung.
Er glaube, gestand Plett in seinem Artikel, „dass sich der Zusammenschluss im Jahre 1941 letzten Endes doch zum Wohle und Segen beider Gemeinden der heutigen Doppelstadt Neheim-Hüsten ausgewirkt hat“. Ähnlich äußerte sich der damalige Bürgermeister Gerhard Teriet in einem Beitrag zur Einweihung des neuen Rathauses am 28. September 1968. Gut, dass es nicht zur Trennung gekommen sei, meinte er. „Die imposante Entwicklung sowohl Neheims als auch Hüstens wäre mit Sicherheit wesentlich schwächer gewesen. Heute ist Neheim-Hüsten die größte Stadt des kurkölnischen Sauerlandes, ist wirtschaftlicher Mittelpunkt dieses Gebietes und von einer Dynamik beseelt, wie sie wohl kaum einer anderen Stadt des heimischen Raumes zu eigen ist.“
Bericht: Helmutheinz Welke Alle Bilder (soweit nicht anders angegeben): Archiv des Heimatbundes Neheim-Hüsten
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