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Schnadegang: Erst Pflicht, dann streng verboten

Poaläsen beim Schnadegang 2007Das berühmt-berüchtigte „Poaläsen“, hier praktiziert beim Schnadegang des Jahres 2007. Jägeroberst Hubert Cloer (rechts) und sein Stellvertreter Dr. Hubert Schrage prägen dem Schützenscheffen Friedhelm Meisterjahn den Schnadestein bei Dreihausen ein.Foto: Helmutheinz Welke

Wenn einst Bürgermeister, Rat und die ganze Bürgerschaft – wie es in alten Berichten heißt – „mit fliegendem Fähnlein und Trommelschlag“ hinauszogen in Wald und Flur, dann war Schnadegang. Stadt und Bürger kontrollierten auf diese Weise den Verlauf der Grenze, der „Schnade“ ihres Gemeinwesens. In der Zeit, als es noch kein Katasterwesen gab, war dies die übliche Methode, den durch gesetzte Steine, gezogene Gräben und besonders markierte Bäume gekennzeichneten Grenzverlauf bei allen Beteiligten in lebendiger Erinnerung zu halten und nachfolgenden Generationen zu überliefern.

Dieser hoheitliche Akt war von so großer Bedeutung, dass er den Bürgern zur Pflicht gemacht wurde. Die städtische Verfassung Neheims, die sich die Bürger auf der Grundlage ihrer Stadtrechte selbst gegeben hatten, enthielt einen derartigen Passus. Man nannte sie in Neheim „Morgensprache“, weil sie einmal jährlich morgens vor dem Rathaus den Bürgern vorgetragen wurde, „damit sich niemand der Unwissenheit zu beklagen habe“, wie es in der Begründung dieser Pflichtveranstaltung heißt. Diese Neheimer Morgensprache ist bei dem großen Stadtbrand am 13. Juni 1673 vernichtet worden. Sie soll aber der noch erhaltenen Arnsberger Morgensprache gleichlautend entsprochen haben.

„Alles unser!“

Im altdeutschen Recht kannte man die Rechtsform des „Geweres“, mit dem allgemein das dingliche Recht an einer Sache bezeichnet wurde. Bei Grundstückskäufen beispielsweise gehörte zur förmlichen Inbesitznahme die Grenzbegehung durch Käufer und Verkäufer. Mit den Schnadezügen bekräftigte die Stadt somit auch immer wieder ihre Herrschaftsansprüche auf den Gemeindebezirk. Es war deshalb wichtig, dass möglichst alle Bürger daran teilnahmen. Bei dem uralten Osnabrücker Schnadegang begrüßen sich die Teilnehmer noch heute mit „Olles use“ (Alles unser – alles gehört uns).

Es war früher auch üblich, Vertreter der Nachbargemeinden zum Schnadegang einzuladen, um notfalls Unstimmigkeiten an Ort und Stelle klären zu können. Manchmal ließen sich Streitigkeiten allerdings nicht friedlich lösen. Aus den Überlieferungen mancher Städte wissen wir von wüsten Schlägereien oder sogar von blutigen Auseinandersetzungen.

Es ging überhaupt sehr derb und handfest zu. In Neheim wie anderenorts war es üblich, der jüngeren Generation die genaue Lage wichtiger Punkte regelrecht „einzubläuen“. Entweder durch Verabreichung kräftiger Ohrfeigen oder durch mehrmaliges unsaftes Aufstoßen des Hinterteils auf den Grenzstein wurde Neulingen dessen Position ins Langzeitgedächtnis eingeschrieben. Letztgenannter, „Poaläsen" (Poal: der Pfahl oder der Grenzstein, Äs: das Hinterteil) genannter Brauch wird auch heute noch gepflegt, allerdings in abgemilderter und ritualisierter Form zur Erheiterung der Schnadegänger.

Schnadegängern drohte Gefängnis

Das Schnadehorn wird geblasenSchnadegang 2007: Der ehemalige Stadtförster Heinz Dohle bläst zu Beginn das Schnadehorn. Links im Bild: Jägeroberst Hubert Cloer, rechts: Heimatbund-Vorsitzender Franz Josef Schulte.Foto: Helmutheinz Welke

Nachdem es auf der Briloner Schnade 1840 zu einigen „groben Exzessen“ (zeitgenössischer Bericht) mit einem Toten und mehreren Schwerverletzten gekommen war, nahm dies die Königliche Regierung zu Arnsberg, die zu jener Zeit ohnehin hinter jeder größeren Menschenansammlung eine „Revolution“ witterte, zum Anlass, die Schnadezüge zu verbieten. Mit Datum vom 3. Februar 1841 wurden per Erlass und mit Hinweis auf das für die Grenzsicherung zur Verfügung stehende Katasterwesen solche Veranstaltungen generell untersagt. Widrigenfalls wurde den Veranstaltern solcher Schnadezüge Strafen von 50 Thalern oder vier Wochen Gefängnis angedroht, den Teilnehmern 1 bis 5 Talern Geldstrafe oder 2 bis 8 Tage Gefängnis.

Damit war es mit dem uralten Brauch vorbei. Obwohl die Briloner bald schon wieder per königlichem Dekret zur Schnade ausziehen konnten, geriet diese Gepflogenheit vielerorts in Vergessenheit. In Neheim lassen sich die Schnadezüge bis 1830 verfolgen. Gerade die Neheimer hatten dabei besonders viel zu tun, nicht zuletzt durch die großzügige Waldschenkung des Grafen Gottfried IV. von Arnsberg, der ihnen 1368 den allein 925 Morgen großen Stadtwald geschenkt und dadurch das Stadtgebiet bedeutend vergrößert hatte. So war es guter Brauch bei den Neheimer Schnadezügen, des Gebers (lateinisch: donare = geben, daher Donatorenfeier) zu gedenken.

Auch in dem von 1566 bis 1840 geführten Bürgerbuch der Freiheit Hüsten finden sich immer wieder Einträge zu Schnadegängen, bei denen oft strittige Grundstücksfragen geklärt oder auch unrechtmäßig gesetzte Zäune kurzerhand niedergerissen wurden.. Die älteste Erwähnung stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, eine Notiz des Bürgermeisters Johann Wulf:

„Anno 1657, den 21. März hat Bürgermeister und Rat, auch ganz Gemeinheit, Jung und Alt sich beieinander getan und der Freiheit Hüsten ihr Feldmark umgangen in der Wollemeiner (Anm.: gesamte Gemarkung) von alters gebräuchlich: Dass die Jungen oder unsere Nachkommen wissen, davon noch zu sagen. Und ist gebräuchlich alle fünf Jahre die Feldmark zu umgehen. Dies zur Nachricht in dies Buch gesetzet.“

Bei Entrümpelung des Rathauses gefunden

SchnadesteinDer Schnadestein im Garten des Fresekenhofes. Unter der verwitterten Inschrift „Schnadegang 1921“ hat der Heimatbund Neheim-Hüsten eine Informationstafel anbringen lassen. Sie besagt: „Dieser Gedenkstein wurde am 22.09.1924 anlässlich der Wiederaufnahme des Schnadegangs im Jahre 1921 am Stadtwald errichtet. Er wurde zum Schnadegang 1989 nach hier umgesetzt.“Foto: Helmutheinz Welke

Doch nun war es still geworden um die Schnadezüge, kein Trommelschlag mehr, kein Hornsignal, das das offizielle Ende verkündete und die Teilnehmer zu Speis' und Trank lud. Bis dann Folgendes passierte, was wir nach einem Bericht der Neheim-Hüstener Zeitung aus dem Jahre 1937 zitieren:

„Erst im Jahre 1921, als die Kriegsereignisse allmählich ihre Schrecken wieder verloren hatten, ging der damalige Stadtrat Spiekermann, einer guten Eingebung folgend, mit frischem Mut und heiterem Sinn an die „Entrümpelung des Rathauses“ heran, um nach vergessenen und verblassten Sitten und Gebräuchen zu suchen. Und siehe da: Er wischte den Staub von einem alten, wie ein ägyptischer Papyrus aussehenden Dokument hinweg und er hatte – den Schnadegang entdeckt. Im Jahre dieser Ausgrabung – 1921 – konnte dann auch der erste Schnadegang oder Grenzbegang fröhliche Urständ' feiern.“

Der Verfasser erwähnt an anderer Stelle, es seien anfangs nur etwa 20 Mann gewesen, „die den Neheimer Stadtgrenzen ein gesteigertes Interesse entgegenbrachten“, doch inzwischen sei die Zahl der Teilnehmer auf wenigstens 200 gestiegen. So zogen sie am Montag, den 30. August 1937 zum neunten Mal (die Schnadegänge fanden nur alle zwei Jahre statt) wieder hinaus, „von Kopf bis Fuß auf Frohsinn eingestellt“. Demnach trafen sie an jedem Baum auf „Schankerlaubnis" nach der Devise: „Vor dem Korn einen Korn und nach dem Korn einen Doppelkorn. Das hält, wie steinalte Schnadezug-Abonnenten immer sagen und in persona beweisen: Leib und Seele zusammen, den Kopf hoch, Stimmung steigend und die Füße warm.“

Mit Erbsensuppe und „Olympiade“

Außer dem „Pfahlfurten“ (hochdeutsche Übertragung des Begriffs Poaläsen) galt ein besonderer Hinweis der Erbsensuppe mit Mettwurst, „Glanzpunkt und Mittelpunkt, Leitstern und Zuflucht aller Schnadezügler und Grenzbegänger“. Und schließlich heißt es da:

„Mit der siegreichen Einnahme besagter Erbsensuppe ist nun der historische Teil des Schnadezugs beendet und der Zeremonienmeister und Chef des Protokolls gibt das Zeichen dafür, dass nun die Zugeständnisse an die neuere Zeit beginnen: Die körperliche Ertüchtigung hebt an. Eine Olympiade in des Waldes tiefsten Gründen spielt sich nun ab, wie sie erfrischender, erheiternder, natürlich auch ertüchtigender, kameradschaftlicher und geselliger nicht erdacht werden kann. Hoch und niedrig, alt und jung, Raucher und Nichtraucher beteiligen sich mit dem Einsatz ihrer ganzen offiziellen oder nichtoffiziellen Persönlichkeit am Wettschießen, Wettlaufen und Wettspringen, Gänseköpfen, Sacklaufen und vielen weiteren solch kindlichen Spielen, die bei kleinstem Einsatz höchste Preise erzielen können. Es soll schon vorgekommen sein, dass einer mit leeren Händen hinausgezogen ist zum fröhlichen Schnadezug und mit einem Handwagen voll Siegesprämien – worunter sich sogar ein westfälischer Schinken befand – glücklich nach Hause zurückgekehrt ist.“

Begeistert von der Wiedererweckung alten Brauchtums, wurde den Neheimer Schnadezügen auch ein Gedenkstein gewidmet. Im Jahre 1924 wurde er gesetzt in dem Walddreieck zwischen den Straßen Jahnallee und Zu den drei Bänken, wo der erste Schnadegang 1921 begonnen und geendet hatte. Er ist vor einigen Jahren umgesetzt worden in den Garten des Fresekenhofes.

Abschließend wollen wir noch einmal den Autor des Schnadeberichts aus dem Jahre 1937 zu Wort kommen lassen. Er schrieb:

„So war der Schnadezug, so ist er noch und so soll er bleiben.“

Neheimer Schnadegang 1925Die Aufnahme ist beim dritten Schnadegang der Neuzeit 1925 bei der Rast im Frettholz entstanden. Damals schon dabei: das lederne Schnadebanner und das Schnadehorn (bei den Männern im Hintergrund).Foto: G. Stoll/Archiv des Heimatbundes Neheim-Hüsten