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Stolz des Amtes und eine Zierde für Hüsten

Amtshaus Hüsten„Am heutigen Tage wurde das neue Amtshaus in Gegenwart der mitunterzeichneten Ehrengäste und der Amtsversammlung feierlichst dem öffentlichen Verkehr übergeben und der Sitzungssaal durch eine Ansprache des Amtmanns und ein auf Seine Majestät unseren allergnädigsten Kaiser Wilhelm II. ausgebrachtes Hoch eingeweiht“, wurde mit Datum vom 15. Oktober 1910 im Protokollbuch der Amtsversammlung Hüsten festgehalten.

Hundert Jahre sind seitdem vergangen, den Kaiser gibt es längst nicht mehr und auch das Amt Hüsten, dessen Verwaltungssitz das Haus war, ist schon lange Vergangenheit. Und auch von einer „Zierde für die Gemeinde Hüsten“, wie seinerzeit Amtmann Julius Thüsing die Eigenschaften des Gebäudes („ein Stolz für das Amt“) beschrieb, ist kaum noch etwas geblieben. In dem eher unscheinbaren, wenngleich in seinen Proportionen erhabenen Bauwerk mit der Hausnummer 29 in der Heinrich-Lübke-Straße sind heute Dienststellen der Arnsberger Stadtverwaltung untergebracht.

Einweihung Amtshaus Hüsten 15. Oktober 1910Die Repräsentanten des Amtsverbandes Hüsten schlugen damit buchstäblich ein neues Kapitel auf, als sie mit dem Ereignis der Einweihung ihres neuen Amtshauses auch ein neues Protokollbuch begannen. Es wird im Arnsberger Stadtarchiv verwahrt. Unter dem eingangs zitierten Eintrag auf der ersten Seite haben die Ehrengäste unterschrieben, „damit auch kommende Geschlechter erfahren, welches Interesse die hohen Behörden und die maßgebenden Personen an dem Wohlergehen des Amtes genommen hätten“, hatte Thüsing erklärt, wie einige Tage später das Central-Volksblatt, die von ihren Lesern gewöhnlich „Centräler“ genannte Zeitung berichtete.

Protokoll vom 15. Oktober 1910Verewigt haben sich auf der Seite (Bild links) Regierungspräsident von Bake, Landrat Droege, Regierungsassessor von Gruben, Graf von Fürstenberg Herdringen, Freiherr von Wrede Melschede, Pfarrer Dr. Meckel und der Architekt des Hauses, Lübke. Ein Fotograf hat die gesamte Festversammlung vor dem Portal des Amtshauses abgelichtet (Bild rechts oben, aus dem Archivbestand des Heimatbundes Neheim-Hüsten).

Ein treuer Hüter des Hauses

Die Feier sei „vom schönsten Herbstwetter begleitet“ gewesen, berichtete der „Centräler“ am 18. Oktober 1910 in ungewöhnlich ausführlicher Form. Etwa zwei Drittel der zweiten Seite der großformatigen Zeitung sind der Einweihung des Amtshauses gewidmet. Bilder fehlen und der Verfasser des Beitrags beschränkt sich weitgehend auf das Zitieren der Festredner.

Demnach quittierte Amtmann Thüsing die Übernahme des symbolischen Schlüssels von dem Architekten Lübke aus Wilmersdorf, einem alten Arnsberger, mit den Worten: „Namens des Amtes Hüsten übernehme ich die Schlüssel diesen prächtigen Baus und verspreche, sein treuer Hüter zu sein, solange mir die Leitung der Verwaltung des Amtes Hüsten anvertraut sein wird.“ Er dankte bei der Gelegenheit allen, die am Zustandekommen des Vorhabens beteiligt waren, namentlich den Bauassistenten Lübke, Engelhardt und Zassenhaus sowie den örtlichen Bauunternehmern Franz und Theodor Kiwit.

Anschließend hatten die Gäste Gelegenheit, das Innere des Hauses zu besichtigen, zunächst den Sitzungssaal, sodann die Privaträume des Amtmanns, der mit seiner Familie in dem Amtshaus wohnte. „An der Schwelle wurden die Herren von der Gattin des Amtmanns sowie mit einem von unserer westfälischen Dichterin Johanna Baltz verfassten Festgruß durch das jüngste Töchterchen begrüßt“, vermerkte dazu der „Centräler“. Schließlich ging es auch noch in die „Bureauräume“, über deren praktische Einrichtung sich der Regierungspräsident sehr lobend ausgesprochen habe. Später begab sich die Festgesellschaft mit vielen Amtseingesessenen zu einem „solennen Festmahl“, wie es der „Centräler“ ausdrückte, in das benachbarte Gesellenhaus.

Amtmann „regierte“ in Kösters Kneipe

Postkarte Amtshaus um 1910Die Verwaltung des am 7. November 1837 aus 16 Gemeinden (Bachum, Bruchhausen, Echthausen, Enkhausen, Estinghausen, Hachen, Herdringen, Hövel, Holzen, Hüsten, Langscheid, Müschede, Niedereimer, Stemel, Voßwinkel und Wennigloh) der Kirchspiele Hüsten, Enkhausen und Voßwinkel gebildeten Amtsbezirks war in den vorangegangenen 73 Jahren fast ausschließlich in der Kösterschen Gastwirtschaft und Brennerei beim Bahnhof untergebracht gewesen. Die Straße heißt heute Von-Lilien-Straße, benannt nach Friedrich Freiherr von Lilien, der das Amt Hüsten von 1874 bis zu seinem Tod im Jahre 1909 auf unnachahmliche Weise ehrenamtlich „regierte“. In Kösters Kneipe hätten „unvergessliche Originale" mit milder Strenge ihres Amtes gewaltet, erinnerte sich eine spätere Generation laut Festschrift bei der 100-Jahr-Feier des Amtes Hüsten im Jahre 1937.

Nach dem Tod des Ehrenamtmanns von Lilien hatte Thüsing die Aufgabe übernommen und sogleich den Bau des Amtshauses betrieben. Bis zum Einzug in das neue Domizil brachte er die Verwaltung im Hause Flecke am Mühlenberg unter. Bei der Einweihung wies Thüsing darauf hin, dass der Hüstener Gemeinderat schon 1830 den Bau eines Verwaltungsgebäudes beschlossen habe. Das sei damals zwar vom Landrat (Thüsing, Großvater des Amtmanns) befürwortet, von der Regierung aber, „weil kein Bedürfnis vorhanden“, abgelehnt worden. Auf Anregung des Landrats Droege habe die Amtsversammlung dann am 5. August 1909 erneut den Bau beschlossen.

Auf dem Bild rechts (aus dem Archivbestand des Heimatbundes Neheim-Hüsten) dient das damals noch neue Amtshaus sogar als Ansichtskartenmotiv. Im rückwärtigen Teil des 3259 Quadratmeter großen Grundstücks erstreckt sich eine aufwändig gestaltete Gartenanlage (unterer Teil der Postkarte), die aber heute nicht mehr vorhanden ist.

Gemeinde Hüsten wollte Amtshaus kaufen

Über die Baukosten des repräsentativen Gebäudes wurde bei der Einweihung kein Wort verloren. Die Ausschreibungsunterlagen werden noch im Stadtarchiv aufbewahrt. Die Ausschreibungen der einzelnen Gewerke summieren sich darin auf insgesamt knapp 80000 Reichsmark (RM) reine Baukosten. Als am 1. April 1941 Hüsten aus dem Amtsverband ausschied, um mit Neheim zu einer Stadt vereinigt zu werden, trug sich die Gemeinde Hüsten mit dem Gedanken, das Amtshaus für die Verwaltung der neuen Stadt zu erwerben. Es wurde daraufhin ein Wertgutachten bei Amtsbaumeister Otto in Fröndenberg in Auftrag gegeben. Der Gutachter kam zu dem Schluss, dass das Gebäude 124500 RM und das Grundstück 28000 RM, die gesamte Liegenschaft somit 152450 RM wert sei. Das entspreche den dafür wirklich aufgewandten Bau- und Erwerbskosten, heißt es dazu in einer Niederschrift über die Beratung mit den Hüstener Gemeinderäten vom 13. März 1941.

Der Hüstener Gemeinderat wollte schließlich Grundstück und Gebäude, aber ohne Inventar, für 100000 RM erwerben. Man ging seinerzeit davon aus, dass das restliche Amt Hüsten umorganisiert und seine Verwaltung nach Arnsberg verlegt werde. Dazu ist es aber nicht gekommen. Hüsten blieb auch ohne die Gemeinde Hüsten Verwaltungssitz des Amtes Hüsten, bis eine neuerliche Kommunalreform den Amtsverband überflüssig machte und den überwiegenden Teil der Amtsgemeinden in die neue Stadt Arnsberg integrierte – großenteils gegen deren Willen. So wurde das Amt Hüsten am Vorabend der Geburt der neuen Stadt Arnsberg am 31. Dezember 1974 aufgelöst.

Amtshaus Hüsten um 1910

Ein weiteres Postkartenmotiv (aus dem Archivbestand des Heimatbundes Neheim-Hüsten), das das Amtshaus um 1910 zeigt. Auf der kolorierten Schwarzweiß-Aufnahme ist die Welt in Hüsten noch in Ordnung. Die Rönkhauser Straße (heute Heinrich-Lübke-Straße) präsentiert sich noch als lückenlose Allee und von der Verkehrslawine, die das Hüstener Zentrum lange Zeit zu erdrücken drohte, ist noch keine Spur zu sehen.

Bericht und Fotos (soweit nicht anders angegeben): Helmutheinz Welke