Jugenderinnerungen

Der Neheimer Schulkameraden 1904

Schrift zur Wiedersehens-Feier 1954


Sammlung Peter Pawlowski


Sammlung Peter Pawlowski
Sammlung Peter Pawlowski

»Nach der Heimat möcht' ich wieder 

in der Heimat möcht' ich sein!« 

 

'Willkommen! 

 

LIEBE KAMERADEN DES JAHRGANGS 1904! 

 

Heimat! Ein Zauberwort von bezwingender Kraft. Heimat ist mehr als der Ort, an dem wir geboren sind.

 

Heimat sind die Menschen und die Gemeinschaften, die uns in jungen Jahren beeinflußt und geformt haben, die das aus uns gemacht haben, was mir heute sind - unsere Eltern, Geschwister, Freunde, "Lehrer, Geistliche, Nachbarn, die Vereine, unsere Bekanntschaften und vieles vieles mehr. Heimat sind die Häuser, in denen wir unsere Jugend verlebten, die Straßen, durch die wir gegangen, die wohlbekannten  trauten Winkel, die uns angezogen haben.

 

Heimat sind die Berge und Wälder, die Flüsse und Bäche, die Brücken, der Himmel und die Wolken, der Frühling, Herbst und Winter, Stürme und Sonnenschein, die alle in der Heimat ganz anders aussehen als in der Fremde. Heimat ist der Boden, in den unsere Seele ihre Wurzeln gesenkt und aus dem sie Nahrung und die Kraft zur Entfaltung unseres Wesens gezogen hat. Heimat ist ein Stück von uns selbst, das wir nie verlieren können, das wir als Schicksal mitnehmen durch unser ganzes Leben, auch wenn mir in die Fremde gehen. Zahllose Lieder singen von Heimat, von Glück und Frieden, von seliger  goldener Jugendzeit.

 

"Kinderland, du Zauberland,

Haus und Hof und Hecken,

Hinter blauer Wälderwand

Spielt die Welt verstecken." 



All unsere Jugenderlebnisse und Erinnerungen sind die unvergänglichen Lebenswerte aus denen wir auch im späteren Leben immer wieder neue Kräfte wie aus einem Jungbrunnen Ziehen.Aus diesen Gedanken heraus entstand in unserer Schönen Heimat der inzwischen zur Tradition gewordene Brauch, daß sich alljährlich die  50 Jahre altwerdenden Schulkameraden zu einer Wiedersehensfeier in der Heimat treffen.

 

Und nun liebe Schulkameraden, ergeht der Ruf an uns.

 

,,Jetzt kommen mir vom Jahrgang Vier!"

 

Männer sind mir inzwischen geworden, gereifte und gefestigte Männer, die nach sorglos und unbeschwärt verlebter Jugend- und Schulzeit selbst ihr Glück gezimmert haben. Ein halbes Jahrhundert  haben auch wir hinter uns. Wir erlebten eine ereignisreiche und schicksalhafte Zeit. Der Sturmwind zweier Weltkriege ist über uns hinweggebraust und hat uns hin und hergerissen wie kaum eine andere Generation vor uns. Er hat das Unkraut des Übermuts bei uns vernichtet, nicht aber uns den Mut und die Kraft genommen, uns  weiter im Leben zu behaupten.

 

Manch einer unserer Kameraden ist inzwischen in die Ewigkeit abberufen worden. Ihrer werden wir in diesen Tagen der Wiedersehnsfeier ehrend gedenken. Wir Lebenden aber wollen einmal Rückschau halten und zurückfinden in das Paradies unserer Kindheit und seligen Jugendzeit. Mit ganzem Herzen wollen wir uns der Freude hingeben und für einige Tage den rauhen Alltag vergessen, wollen uns satt trinken an den köstlichen Erinnerungen längst vergangener Tage und die alten Bande der Zusammengehörigkeit fester knüpfen.

 

So bin im wieder gülckbedacht,

In meiner Heimat Tal  gekommen, -

Was meine Kindheit froh gemacht,

Hab' neu ich in mich aufgenommen.

Noch weiß ich nicht, wie mir geschehen,

Es ist mir alles wie im Traum.

Die Heimat hab' ich heut' gesehen,

Im bin daheim und faß es kaum. 

 

Die Heimat ruft - Herzlich Willkommen! 




O du Heimatflur! 

 

 In meinem Arbeitszimmer hängt eh Bild von Neheim, von Bernhard Nackath 1940 gemalt, Neheim, von den »Drei Bänken« aus gesehen. - Da liegt sie vor mir, meine liebe Heimatstadt, eingebettet in das Tal von Ruhr und Möhne, umgeben von waldbekränzten Höhen. Für einen Fremden ist es ein Gemälde wie viele andere, dessen Wert an der Maltechnik, Raumaufteilung, Form- und Farbaufteilung gemessen wird. Für mich ist es eine Fundgrube wertvoller, lieber Erinnerungen. Immer wieder bleibt das Auge an den Einzelheiten hängen, und die Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit, in die Heimat.

 

Da liegt links auf dem Bilde der Fürstenberg, für uns vom Ringsystem weit vor den Toren der Stadt. Er hat uns durch seinen klingenden Namen stets Achtung eingeflößt. Ich habe ihn einige Male von der Ruhrseite aus »erstiegen«, ohne einen Weg zu benutzen und war jedesmal stolz, wenn ich bei der Kapelle auskam. Rektor Busch machte uns einmal auf die Quelle aufmerksam, die auf der höchsten Stelle des Berges entspringt. Sie bekommt, so sagte er uns, die wir über dieses Wissen und diese Tatsache staunten, ihr Wasser von den höheren Bergen jenseits der Ruhr durch wasserführende Gesteinsschichten, die unter der Ruhr her durchgefaltet sind und oben auf dem Fürstenberg anstehen.

 

Den Totenberg mit der sich ins Tal schlängelnden Straße kann ich nicht anschauen, ohne das prickelnde Gefühl nachzuerleben, das uns erfüllte, wenn wir mit dem Rodelschlitten die gefährlichen Kurven bei Taproggen nahmen.

 

Es ging nicht immer ohne Unfälle ab. Der heutige starke Verkehr erlaubt das Rodeln dort nicht mehr aber damals mußten die Fahrzeuge noch für uns Platz machen und Kintschers Josef kam selten so weit herauf.

 

O, Wiedenberg, du Gipfel, der dem Stadtkern am nächsten gerückt ist und fast sein Ohr an den schlagenden Puls von Neheim gelegt hat. Wer hat soviel gesehen, gehört und erlebt wie du: die rauschenden Schützen· und Jägerfeste, die an deinem Fuße stattfanden und heute noch stattfinden, die Schüsse der »zielsicheren« Jäger und Schützen, die »Neimeske Katrillje«, den dröhnenden Kirmestrubel und das scheue Geflüster der liebenden Paare. - Ich sehe die bunten Festzüge, an der Spitze wie immer die »Pröppersche Stadtkapelle«, allen voran aber wir, die Jugend. Ich sehe unweit des Wiedenberges die alte Schützenhalle, die das grausame Hochwasser weggerissen hat und gedenke in Dankbarkeit der tiefen unvergeßlichen Eindrücke, die die großen Konzerte des damaligen Musikvereins, unter Leitung von Georg Nellius, hinterlassen haben. Das war für Neheim damals eine große Zeit, so meine ich wenigstens. Die Erinnerung an jene Zeit hat mich zum Sinnen gebracht. Gedanken und Bilder in bunter Mannigfaltigkeit steigen in mir auf. Sie aIle festzuhalten, geht über den Rahmen dieser Zeilen hinaus.

 

Ein Blick auf das Bild von Neheim ruft eine andere Zeit in mir wach. Da glaube ich aus einem Gewirr von Häusern die »Gelbe Schule« zu erkennen. Ich weiß den Raum noch, in dem ich den ersten Schultag erlebte. Die Schule wurde damals, vielleicht auch heute noch, als Drohmittel bei Ungehorsam benutzt. "Na, warte, wenn du erst in die Schule kommst!" Und so saß ich am ersten Schultag klopfenden Herzens in der Bank, den ängstlichen Blick auf den Herrn Lehrer gerichtet· Ich erwartete nichts anders, als daß er das Pult öffnen, den Stock nehmen und alle durchwalken würde. Wofür waren wir auch in der Schule!, so dachte ich. Doch es kam anders! Mit lustigen und freundlichen Worten erwarb sich unser Lehrer schnell die Herzen aller Schüler. Liebe und Vertrauen, die er in uns weckte, waren ein weit besseres Erziehungsmittel als der grausame Stock. Mein Blick wandert weiter. Da ist die »Eiserne Brücke« über die Ruhr in Verlängerung des grünen Weges, die bevor sie eisern war und auch später wieder ein, kostbares Spielzeug der Ruhrüberschwemmungen wurde. - Es war im Kriegsjahr 1914. Auch die Jugend wollte kämpfen, und so schlossen sich Häusergruppen und Straßenzüge unter selbstgewählten Führern zu Kampfgemeinschaften zusammen, ausgerüstet mit Holzschwertern, Holzgewehren und Tragbahren, die Röcke mit Litzen besetzt. Hier auf dieser schmalen Brücke haben wir einmal eine erbitterte Schlacht gegen die »Erlenkämper« geschlagen und mit Stöcken und Büschen aufeinander losgehauen. Ich weiß nicht mehr, wer Sieger war, aber die Tragbaren mußten' wirklich in Funktion treten, Im Vordergrund des Bildes, die Häuser der Nachbarschaft hoch überragend, liegt in der Poststraße das Gymnasium, unsere liebe alte Penne, die für mich noch nicht nach Besatzung 'und nach Brand riecht, sondern der ehrwürdige Bau ist, in dem der Direktor und seine »Mitarbeiter« aus rohem Stoff harmonische Menschen formen wollen.

 

Heute wissen wir es zu schätzen und zu danken, was sie 'in tausenden von Stunden mit Liebe und Geduld und Ausdauer an uns geleistet haben, Ich will meinen Ausflug in die Vergangenheit beenden, Es waren nur ein paar kleine unbedeutende Mosaiksteinchen, die mit tausenden anderen zusammengesetzt erst das wahre Bild vom Neheim unserer jugendzeit ergeben. 

 

»0 du Heimatflur, 0 du Heimatflur,

Laß zu deinem heiligen Raum

Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur

Entflieh'n im Traum, im Traum!«  



Jäuste

Kempen 

Abenteurer

 

JUGENDERINNERUNGEN EINES ALTEN (50]ÄHRIGEN) SCHOBBONITEN 

 

Eine »Klicke« von Jäusten hat bekanntlich vieles gemeinsam mit einem Indianerhaufen, u a. das bevorzugte »Jagdgebiet«. Unsere »Ecke«, nämlich die Jäuste von der unteren Schobbostraße, bevorzugte als »Jagdgebiet« den Kuhkamp und die Gegend darumherum, also Wiedenberg, »Schlacht«, Schlachthof, und »Schutt«. Dieses Gebiet sah damals in mancher Beziehung anders aus wie heute. Noch waren die Fabriken und 'Häuser nicht soweit vorgedrungen; noch hatte keine Möhnekatastrophe die Fluren verwüstet; es war eine weite grüne Grasfläche, dieses Gebiet zwischen Möhne und Mühlengraben (welches von manchen Leuten auch »Blutinsel« genannt wurde, aber nicht. etwa wegen der blutigen Schlachten und Abenteuer, die wir Jäuste dort ausgefochten haben und von denen weiter unten noch die Rede sein wird, sondern wegen des Schlachthofes, der auf dieser von Möhne und Mühlengraben umschlossenen Insel lag und dem blutigen Handwerk Dach und Betätigungsfeld bot)'. Den »Kamp« sahen wir Jäuste von der Schobbostraße als unser ureigenstes Gebiet an; aber wie jedes echte indianische Jagdgebiet war auch unser Gebiet zeitweilig schwer umstritten'; es wurde uns zuweilen von anderen Straßen und Klicken streitig gemacht. Dann entbrannten wilde Kämpfe. Denkwürdig sind besonders die heißen und blutigen Kämpfe mit den »Dolmeschken«.

 

Die halbe Stadt war in Aufregung. Kintschers Josef mußte eingreifen, wenn die Kämpfe hin und her wogten, wenn Blut floß, wenn die Fensterscheiben in Trümmer gingen und unbeteiligte Zivilisten in die Schußlinie gerieten. Im übrigen war aber unsere Kampfführung wesentlich humaner als heute. Wenn wir z. B. Gefangene machten, so mußten sie in der Regel auf Hagen Hof Holz hauen (und unsere Leute, die das gleiche Schicksal auf der Gegenseite traf, wurden in ähnlicher Weise auf dem Totenberg zu nutzbringender Beschäftigung angehalten). Doch wenn es abends dunkel wurde, wurden die Gefangenen nach Hause entlassen. Meistens waren aber die Zeiten friedlich, und wir konnten ungestört unseren Neigungen, Schlichen und Spielen nachgehen. Da wurde bis weit in den Wiedenberg hinein Räuber und Schanditz gespielt, da wurden im Schlachthausteich Stichlinge gefangen (und zu Hause ahnungslos in das Goldfischbecken gesetzt, 

 

wo die schlimmen Gesellen aus dem Schlachthausteidl binnen kurzem unter ihren bürgerlich-friedlichen, goldstrotzenden Vettern arg aufräumten). Im Sommer wurde in Möhne und Mühlengraben gebadet und Gabel-Jagd auf Dickköppe gemacht. Im Herbst ließen wir unsere Windvögel bis in die Wolken hineinsteigen. Im Winter wurde auf dem Teich und .' bei besonders strenger Kälte - auch auf der Möhne Schlittschuh gelaufen. Manm einer mußte Bekanntschaft mit dem nassen Element machen. Wer denkt da nicht an »Dölf«, für den das Wasser - ganz gleich ob Sommer oder Winter - immer eine besondere Anziehungskraft hatte und den wir deshalb zeitweilig »Moses« nannten. 

 

Unsere damaligen Spiele sind teilweise heute anscheinend längst vergessen, zumindest sind es ihre Namen. Wer redet heute z. B. noch von »Brunsekürtel«? Ein Spiel allerdings war damals genau wie heute Trumpf, der Fußball. Sein besonderer Reiz für uns lag noch darin, daß er verboten war, teilweise von den Eltern, teilweise von den Lehrern und Schulen, bestimmt aber vom Flurschütz. Wie oft wurden wir mitten im schönsten Spiel durch den gellenden Ruf: "Flurk ... kommt" aufgeschreckt, mußten schnellstens unser kostbares Gut, den Fußball, schnappen und das Weite suchen. Zuweilen fiel aber der Ball dem Hüter der Ordnung in Feld und Flur in die Hände, und wir standen da ohne unser liebstes Spielzeug. Die Folge war, daß wir wieder tage- und wochenlang auf dem Schutt in den Abfällen der Fabriken nach Messing. und anderen Metallstücken buddeln mußten, die wir dann beim Schlosser Steinau gegen einige Pfennige verkloppten und so uns langsam wieder das Geld für einen teuren Fußball erarbeiteten und ersparten. Was ließen wir uns sonst noch alles gefallen um des FußbalIspiels willen! Stundenlang wurden Aßheuers Treppe und Haus umlagert, wo der Ball aufbewahrt wurde. Abends kam mancher nur heiser (vom Schreien) oder hinkend (wenn "Spitzenvatter« mal wieder statt auf den Ball auf die Knochen gehalten hatte) nach Hause. Unsere Spiele und Abenteuer wechselten nicht nur mit den Jahreszeiten, sondern auch mit den Zeitläuften; besonders die Kriegszeit (1 . Weltkrieg) verlieh unseren Spielen ein eigenes Gesicht. Kriegsspiele traten in den Vordergrund. Es bildeten sich neben der von »Oben« organisierten Jugendwehr wilde Kompanien aus Jäusten; in unserer Ecke waren besonders zwei: eine unter Heiden Franz, eine andere unter Krausen Heina. Mit unseren Papphelmen, Holzgewehren und klappernden und ratternden Maschinengewehren versuchten wir es, den Großen gleichzutun, und durchstreiften glühend vor Vaterlandsliebe und Tatendrang Felder und Wälder. Auch sonst brachte der Krieg uns Jäusten mancherlei erregende Abenteuer und aufregende Erlebnisse, sei es, daß wir an der Bahnstrecke die ausfahrenden Soldatenzüge oder die einfahrenden Gefangenenzüge bestaunten, sei es, daß wir mit Küsters Jupp auf den Kirchturm steigen und Sieg läuten mußten (es gab ja damals noch kein Radio) oder sei es, daß wir die ersten Flieger und sogar die erste und seither einzige Landung eines Flugzeuges auf dem Kuhkamp erleben durften, eines Flugzeuges, das sogar noch mit einem Sohn unserer Heimatstadt bemannt war. Selbst das Kriegsende, so traurig es war, hielt mit seinen vielfältigen Bildern und Erlebnissen uns Jäuste wochenlang in Atem und Spannung. Die heimziehenden Truppen brachten uns nicht nur mancherlei Schauwerk, sondern auch »Sachwerte«, die wir Jäuste gut brauchen konnten; besonders hatten wir es auf Leuchtpistolen und Leuchtmunition abgesehen, und die stille und beschauliche Stadt Neheim erlebte besonders in der Silvesternacht 1918/1919 eine Knallerei und ein Feuerwerk, wie es vorher und nachher in ihrer Geschichte wohl niemals mehr vorgekommen ist. Zum Schluß möchte der Verfasser dieser Zeilen der Stätte seiner liebsten Kindheitserinnerung und ihren damaligen Bewohnern ein Wort dankbaren Gedenkens widmen, nämlich dem Schlachthof. Was gab es dort nicht alles zu sehen und zu erleben! Den Antrieb des Schlachtviehes, das Handwerkszeug der Metzger, den blutigen Akt des Schlachtens (der uns »Blagen« an sich verwehrt war, den wir aber immer wieder heimlich um die Ecke herum oder durch die Türritzen beobachteten), die Verarbeitung des Fleisches, das Einsalzen der Häute und dergleichen mehr. Was gab es für heimliche Eckchen und Versteckchen in dieser Vielzahl von Gebäuden, Hallen und Schuppen. Welche Freude war es, wenn wir mit dem gestrengen Herrn Schlachthofdirektor im Kutschwagen auf die Dörfer fahren könnten, um Schweine zu impfen und sonstwie kranken Haustieren zu helfen, oder wenn wir auf dem ungesattelten, langbeinigen »Ostpreußen« ohne Wissen seines Herrn Ritte bis weit in den Wiedenberg machten. Und die Bewohner des Schlachthofes, wie waren und sind sie mir ans Herz gewachsen! Der schon erwähnte Herr Schlachthofdirektor, dann Christian, der mit dem Barte, der große Schweiger, und seine zahlreiche Familie, besonders aber unsere «Frau Doktor«, die uns Jungens so trefflich zu lenken verstand, der wir so viele glückliche Stunden des Spielens, des Belehrens, des Märchenerzählens und sonstiger Unterhaltungen verdanken, und die wir, wie uns später erst richtig klar und bewußt wurde, mit ganzem Herzen liebten und verehrten. Oh du selige und glückliche Kinderzeit! Wie sprichst du mich heute noch aus allen Winkeln ,und Eckchen meiner Heimatstadt an; mit welcher Wehmut, aber auch mit welcher stillen Freude gedenke ich heute als Fünfzigjähriger der alten Zeit und der alten Freunde. 

 

"Die alten Häuser noch, die alten Straßen noch,

die alten Freunde aber sind nicht mehr." 

 

Soweit die alten Freunde noch am Leben sind, sind sie mehr oder weniger in alle, Winde zerstreut. Gebe Gott, daß ich mit dem Feste der Fünfzigjährigen noch recht viele wiedersehe und mit ihnen schwelgen kann in alten Erinnerungen an die Kinderzeit, an die Zeit der Jäuste, der Kämpe, der Abenteuer! 



Jugendlicher Übermut

und Undüchtereien

 

 

Am liebsten spielten wir »Fangen« und »Suchen«. Das ging dann bei RosenthaIs an der Arnsberger Straße die Gartentreppe herunter bis an den Springbach, in Küchenhoffs oder Binholds Garten. Die Waghalsigsten krochen in die große Kanalisationsröhre unter der Poststraße und kamen an der Post wieder heraus. Der Glaskasten an Cosacks Haus auf der Arnsberger Straße war auch oft das Objekt unserer Spiele. Andere Touren gingen an Bussen Fabrik entlang über Arns Garten nach Tappen Fabrik bis auf die Möhnestraße. Schneider Neuschwenger, an der Kirche, hatte einen Hund; er hatte den schönen Namen »Pitsch«. Wir hatten herausgefunden, daß Pitsch musikalisches Empfinden besaß. Lief >,Pitsch« auf dem Kirchplatz herum, dann spielten wir ihm mit der Mundharmonika eine Weise vor, Pitsch setzte sich auf die Hinterbeine und veranstaltete unter fürchterlichem Grimasseziehen ein entsetzliches Geheul. Wir hatten unseren Spaß dabei und Frau Neuschwenger holte unter Schimpfen und Drohen »ihren Pitsch« in's Haus. In den dunklen Abendstunden wurde auch gern das beliebte »Mäusejagen« durchgeführt. Wir wußten genau, woes Türklingeln zum Ziehen gab. Besondere Freude machten uns aber die elektrischen Klingelanlagen, wo wir manchmal 3 oder 4 Knöpfe zugleich oder abwechselnd drücken konnten. Das nannten wir »Klavierspielen«. Um der boshaften Klingelei noch erhöhten Nachdruck zu verleihen, steckten wir (wenn es die Zeit noch erlaubte) noch obendrein Streichholzpinnekes zwischen die Knöpfe, sodaß die Schellerei ununterbrochen anhielt, bis die verärgerten Hausbewohner die Ursache des allgemeinen Hausalarms entdeckten und beseitigten. Auch der bekannte Klopfer an Rüggebergs Haustür auf der Burgstraße wurde bei unserer Jagd nicht ausgelassen. Er brachte uns übrigens auf eine neue Idee. An Wortmanns Ecke, da wo im Anbau Gemüsehändler Caspar Franke wohnte, hatte der Friseur und Zahntechniker Kampschulte seine Praxis. Er hatte bei uns den Namen »Penti, Penti, Pentilaventi«. Warum, daß weiß ich nicht. Da wir diesem Bürger mit dem üblichen Mäusejagen nicht beikommen konnten, wurde hier das neue ,>Klopfverfahren« angewandt. Ein 1/2 zölliger Nagel wurde an einem Bindfaden geknüpft, der Bindfaden am Fensterkreuz befestigt und dann immer aus großer Entfernung gezogen, daß der Nagel gegen die Fensterscheibe schlug. »Penti« machte das Fenster auf. Wir zogen nicht mehr. Penti machte das Fenster zu, und wir zogen wieder. Die ersten Abende hatten wir unsere helle Freude. Bald jedoch kam unsere Methode heraus. Das Verfahren machte Schule und mancher geruhsame Bürger wurde so auf Touren gebracht.

 

 

Auch das elektrische Licht versagte in jener Zeit oft in vielen Häusern plötzlich, wenn wir bei unserer abendlichen Razzia heimlich in den Hausfluren an den Zählertafeln den Hauptschalter entdeckt und bedient hatten. Ein weiteres Verfahren, Leute zu ärgern, bestand darin, Erbsen gegen die Fensterscheiben zu blasen. Die Glasröhrchen wurden bei Bussen oder Cosacks und die Erbsen bei Stolpers besorgt. Viel Freude und manchen Spaß brachten uns die Volksfeste. Am freudigsten wurde von uns das Jägerfest »mitgefeiert«. Es war Ehrensache für uns, mit den »Sappeuren«, die alles andere als alte Deutsche und Freiheitskämpfer waren, vor dem Festzug zu marschieren. Was war doch damals "Perdeworst, Perdeworst tülülütt, an der Ecke stoit he!" für eine unvergeßliche Figur! Als Cerberus am Eingang des Jägerzeltes wurde er von uns Jäusten besonders aufs Korn genommen. Ich höre noch sein allbekanntes "Häs Kaht, häs Kaht?" Um ohne Eintrittskarte auf den Platz zu kommen, wurde von uns "Perdeworst ......... " gesungen. Zornentbrannt lief er dann hinter einem von uns her und die übrige Meute brach unterdessen auf den Festplatz ein. Wenn in der Altstadt etwas abgebrochen wurde, waren wir mit dabei. Gern erinnere ich mich noch an den Abbruch der alten Schule an der Kirche. Sobald Dachdecker Kotthoff mit seinen Leuten Feierabend gemacht hatte, gingen wir ans Werk. Wir konnten es oft besser als diese. Das Kriegsende 1918 brachte uns die Aufmärsche und die Reden der neuen Volkstribune. Auch politische Versammlungen kamen langsam in unser Blickfeld. Dabei denke ich an meine erste miterlebte politische Volksversammlung im GeseIlenhaus. Von der Bühne aus konnte ich beobachten, wie es zwischen Linus Scheibe und Kaplan Dr. Pieper hart herging. ' Nach 1918 begann für die Mehrzahl von uns der Ernst des Lebens. Die sorglose Jugendzeit wurde abgelöst von der Arbeit in Werkstatt und Büro. Doch immer, wenn das harte Leben uns packte und uns oft zu zerbrechen drohte, wurden wir wieder aufgefrischt in Erinnerung an unsere Jugend, an unseren Übermut und unsere Undüchtereien. 

 

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies,

aus welchem wir nicht vertrieben werden können." 



Heimkehr

F.W. Grimme

 

 

Da sind die alten Plätze wieder,

Die mich dereinst als Kind geseh'n

Es rauscht derselbe Strom hernieder

Und spiegelt noch dieselben Höh'n. 

 

Vom Kirchlein altbekanntes Läuten,

Doch drinnen kein bekannt Gesicht

Auch jenes Haus noch kann ich deuten,

Doch, die es heut' bewohnen, nicht. 

 

Und auf derselben Aue jagen

Die Kinder sich l wie wir dereinst

Sie seh'n mich an mit stummer Frage:

Wie, fremder Mann! Du stehst und weinst? 

 

Du frohe Schar, 0 spiele weiter!

Die Plätze unsrer Lust sind dein

Dir strahlt der Himmel hell und heiter

Und hüllt sich mir in Wehmut ein. 



Rektor Arnold Tenten

 

geb. am 28. 6. 1855 zu Rösrath (Krs. Köln-Mülheim)

 

in Neheim tätig von 1881 bis 1915,

 

gest. am 22. 11. 1915 zu Neheim

Hauptlehrer Heinrich Hoffmann

 

geb. am 9. 5. 1857 zu Soest,

 

in Neheim tätig von 1877 bis 1922,

 

gest. 1935 zu Neheim 

Rektor Eberhard Hilger

 

geb. am 21. 11. 1854 zu Scheidingen (Krs. Soest),

 

in Neheim tätig von 1889 bis 1916,

 

gest. am 8. 10. 1916 zu Neheim

Lehrer Heinrich Lumme

 

geb. am 14. 11. 1875 zu Dickhoff bei Fredeburg,

 

in Neheim tätig von 1904 bis 1912,

 

gest. am 26. 8. 1912 in Fredeburg

Lehrer Eduard Heins

 

geb. am 5.5. 1886 zu Opladen (Krs. Solingen),

 

in Neheim tätig von 1907 bis 1914.

 

Er starb am 22. 8. 1914 in Frankreich den Heldentod. 

Lehrerin Marla Kemper

 

geb. am 29. 3. 1887 zu Henrichenburg,

 

in Neheim tätig von 1909 bis 1912,

 

jetzt Frau L. Kappen, lebt in Neheim 

Lehrer Ludwig Giese

 

geb. am 20.5.1881 zu Osterburg i. Altmark,

 

in Neheim tätig von 1908 bis 1946,

 

seit 1922 als Hauptlehrer und seit 1941 als Rektor,

 

gest. am 7.10.1950 zu Neheim 

Lehrer Heinrich Hegener

 

geb. am 10. 3.1856 zu Wulmeringhausen (Krs. Brilon),

 

in Neheim tätig von 1905 bis 1921;

 

gest. am 7.8.1923 zu Neheim

Lehrer Lorenz Kappen

 

geb. am 16.2. 1876 zu Winterberg,

 

in Neheim tätig von 1901 bis 1938,

 

ab 1928 als Konrektor,

 

gest. am 2.6.1943 zu Neheim 

Lehrer Friedr. Kampschulte

 

geb. am 30. 4. 1863 I zu Neheim,

 

in Neheim tätig von 1891 his 1928,

 

seit 1925 als Konrektor,

 

gest. am 19. 11.1942 zu Neheim 

Lehrer Friedrich Schunck

 

geb. am 9. 1. 1860 zu Oelinghausen,

 

in Neheim tätig von 1887 bis 1924,

 

seit 1922 als Konrektor,

 

gest. am 28. 6. 1941 zu Neheim 

Lehrer Albert Schulte

 

geb. am 14.10.1888 zu Gelsenkirchen,

 

in Neheim tätig von 1913 bis 1945, seit 1940 als Rektor;

 

er lebt in Neheim im Ruhestand 

Rektor Heinrich Schmidt

 

geh. aml 31. 5. 1878 zu Seidfeld,

 

in Neheim tätig von 1917 bis 1929,

 

gest. am 31. 3. 1951 zu Münster 




ZUM GEDÄCHTNIS AN  REKTOR Dr. theol. h. c. FRANZ STOCK 

 

Am 24. Februar 1948 starb in Paris, unerwartet rasch, unser lieber Mitschüler Dr. theol. h. c. Franz Stock, von 1934 an Rektor der St. Bonifatiusmission und Seelsorger der deutschen katholischen Gemeinde in der französischen Hauptstadt Paris. 1940·1944 katholischer Standortpfarrer, wirkte er auch segensreich als Aumonier der politisch inhaftierten Franzosen in den Pariser Gefängnissen. Von 1944 bis zu seinem Tode war er Kriegsgefangener, 1945-1947 leitete er das Seminar kriegsgefangener katholischer Theologen im Depot 501 in Le Coudray bei Chartres. Sein Grab fand er auf dem Friedhof Thiais in der Nähe von Paris. 

 

Ein Bild priesterlicher Barmherzigkeit. - Das war unser Franz Stock. Ein Deutscher, ruht er in französischer Erde. Er liebte sein Land und wußte es mit überzeugender Geistesschärfe zu verteidigen. Er liebte auch Frank~eich und verstand es wunderbar. Als von der Wehrmacht bestellter Standortpfarrer von Paris führte er seine · priesterliche Tätigkeit von ehedem auf breiter Basis und auch unter schwerer Verantwortung fort. Aus seiner priesterlichen Einstellung heraus, gewann er die Kraft zu dem Doppelten, das ihm aufgetragen war: seinen Landsleuten Tröster und Rater zu sein, den deutschen Soldaten im Wirbel eines unerbittlichen Kriegsgeschehens geistlichen Trost zu spenden aber auch barmherzig zu sein gegenüber den Opfern der einstweilen unterlegenen Nation, die in den Gefängnissen Urteil und Tod erwarteten. Als Aumonier für die politischen Gefangenen in Fresnes hat dann Franz Stock die eigentliche Leistung seines Lebens vollbringen dürfen, das was in alle Zukunft den priesterlichen Namen dieses deutschen Mannes unvergeßlich und leuchtend machen wird. Hier in Fresnes "diesem Vorzimmer des Todes« verkörperte er priesterliche Barmherzigkeit, die gleich Gott und dem Tod nichts weiß von Rassen, Sprachen, Nationen und politischem Getriebe. Kein Deutscher hat während dieser bitteren Jahre in fremdem Lande s 0 die Liebe Christi künden und darstellen dürfen wie dieser junge deutsche Geistliche. Er tröstete, richtete auf und bereitete die Gläubigen ebenso wie die bußfertigen Lauen auf die große Reise vor. Viele verdanken seiner wagemutigen Umsicht die Möglichkeit der Verteidigung und damit ihr Leben. Unter eigener Lebensgefahr hat Franz Stock es oft fertig gebracht, den Häftlingen das Leben zu retten. Aber unzähligemal mußte er die Verurteilten auf dem Wege von der Kapelle des Mont Valerien zur Richtstätte begleiten. Diese Martergänge und die bei den Exekutionen durchgestandenen körperlichen und seelischen Erschütterungen kosteten Franz Stock Jahre seines Lebens. - So konnte es nicht wundernehmen, wenn ihm die Liebe und Verehrung der Gefangenen und Verurteilten gehörte, ebenso die Sympathien der Angehörigen, denen er letzte Grüße, Briefe und hinterlassene Habseligkeiten als teure Erinnerung insgeheim überbrachte. Das Kriegsende fand ihn krank und erschöpft, mit angegriffenen Nerven. Hunderten hatte er Beistand geleistet bis an die Todesmauer. Dem war seine Nervenkraft nicht mehr gewachsen. Nach einem letzten Dienst als Regens des deutschen Kriegsgefangenenseminars in Chartres starb er, erst 44 Jahre alt. Inmitten der beiden Nationen, in deren Bereich sein Leben und Wirken sich begab, verkörperte er die Caritas, als jene mächtige Kraft des Zusammenwachsens, ohne die unsere Welt vollends zerfallen müßte. Möchten wir allezeit und überall daran denken! Franz Stock kann uns Mahner und Vorbild sein. 



"Denk an deine Jugendsonne

und du fühlst dich neu entzückt

und du singst in Glück

und Wonne Lieder, die dich einst beglückt." 

 

 Westfalenlied 

Ihr mögt den Rhein den stolzen preisen,

Der in dem Schoß der Reben liegt.

Wo in den Bergen ruht das Eisen,

Da hat die Mutter mich gewiegt.

Hoch auf dem Fels die Tannen steh'n,

Im grünen Tal die Herden geh'n,

Als Wächter an des Hofes Saum,

Reckt sich empor der Eichenbaum. 

Da ist wo meine Wiege stand,

o grüß dich Gott, Westfalenland!  

 

 

 

Wir haben keine süßen Reden

Und schöner Worte Uberfluß,

Und haben nicht so bald für jeden

Den Brudergruß, den Bruderkuß.

Wenn du uns willst willkommen sein,

So schau aufs Herz, nicht auf den Schein,

Und schau uns grad' hinein ins Aug',

Grad'aus das ist Westfalenbrauch. :,:

Es fragen nicht nach Spiel und Tand,

Die Männer aus Westfalenland! :,: 

 

 

Im schönsten Wiesengrunde 

Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus;

Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.

Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal.

Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus. 

Muß aus dem Tal jetzt scheiden, wo alles Lust und Klang;

Das ist mein herbstes Leiden, mein letzter Gang.

Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal.

Das ist mein herbstes Leiden, mein letzter Gang 

 

 

Aus der Jugendzeit 

Aus der ]ugendzeit, aus der Jugendzeit, klingt ein Lied mir immerdar:

0 wie liegt so weit, 0 wie liegt so weit, was mein, was mein einst war!

Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang,

die den Herbst und Frühling bringt, ob das Dorf entlang,

ob das Dorf entlang, das jetzt noch klingt?

 

 

O du Heimatflur, 0 du Hehnatflur, laß zu deinem sel'gen Raum,

mich noch einmal nur, mich noch einmal nur entfliehn, im Traum!

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,

war die Welt mir voll so sehr, als ich wiederkam,

als ich wiederkam, war alles leer.